Die ADOBE CREATIVE RESIDENCY
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Eine Fahrt ins Unbekannte

Kaum zu glauben: 3 Monate meiner Adobe Creative Residency sind nun schon vorbei. 
Ein bisschen war es, wie spontan in einen Zug einzusteigen, dessen Ziel man nicht kennt: Mittlerweile hat der Zug volle Fahrt aufgenommen, und der Startbahnhof scheint schon in weiter Ferne zu liegen. Das vertraute Gefühl der Heimat verschwimmt, eine Freude auf das Neue und Unbekannte steigt auf.

Man vertut sich in Schwärmereien, wenn man von fernen Orten träumt, gerne denkt man an die schönen Postkarten aus der Fotokiste, an einen schönen blauen Himmel und weisse Sandstrände. Man denkt an das schöne Gefühl, neue fremde Gerichte zu probieren und daran, mit dem Klang einer geheimnisvollen Sprache vertraut zu werden. 

Doch wenn man dann in den Zug eingestiegen ist, den Schritt getan, den schweren Koffer mit einigen Mühen über die hohenTreppenabsätze hinauf ins Abteil gezogen und dann irgendwann schliesslich seinen Sitzplatz gefunden hat, aus dem Fenster auf die vorbeifahrende Landschaft blickt, steigen auch Zweifel aus der Magengrube auf.

Hilfe! Wieso bin ich hier einfach so eingestiegen? Worauf habe ich mich da eingelassen?
Wird der Zielort mir gefallen? Werde ich genug Ausdauer haben, um diese lange Zugfahrt bis zum Ende durchzustehen? Bin ich gerüstet für diese Fahrt, habe ich genug Proviant, die richtige Kleidung? Habe ich das richtige Ticket gelöst?

Fragen und Zweifel, die bei solch spontanen Aktionen meist erst im zweiten Moment auftauchen – dann, wenn der rationale Teil des Verstands sich nicht mehr das Wort verbieten lässt. 

Ein bisschen so wie mit einer Fahrt ins Blaue ist es auch mit meiner Creative Residency gelaufen. Ich habe mich in einen Zug gesetzt, von dem ich keinen blassen Schimmer hatte, wohin er fährt und welche Strecke er einschlägt. Von dem ich nicht wusste, wie schnell er fährt und in welcher Klasse ich fahren werde. Denn kaum eingestiegen, ging die Fahrt auch schon rasant los: Ein Flug nach Berlin, ein Videodreh. Ab nach Paris, 3 Tage Stream auf Adobe Live. Wieder Berlin: Die Typo – ein Vortrag auf einer der wichtigsten Messen im Grafikdesignbereich. Dann New York, die 99 U, Live-Streaming. Kurz mal nach Berlin, zurück nach München. Jetzt San Francisco. Aus dem Nichts heraus, mitten im Jetlagleben. Warum ich? Kann ich das? Habe ich genug Talent? Werde ich mich blamieren?

Aber die Creative Residency lässt keine Zeit für Selbstzweifel – man spürt da die amerikanische Lebensart. 
Du willst etwas? Dann tu es! Du kannst etwas? Dann stell dich da raus und erzähl davon! Ein sehr pragmatischer Ansatz, von demman als Europäer, vielleicht besonders als Bayer, verwirrt ist. Eine kühle Hoibe in einem gemütlichen Wirtshaus würde man wohl eher präferieren. 

Ein kleines Beispiel für diesen ganz anderen State of Mind: unser Vortrag auf der Typo Berlin: Ein Vortrag über ein Projekt, das noch nicht ausgereift ist, von dem es noch nichts zu zeigen gibt, in einem Moment, in dem man noch nicht weiss, wo die Reise hingeht, wie sich das Projekt entwickelt, ob es gut wird. Vor „wichtigem“ Publikum. 
Ich war irritiert und eingeschüchtert, in Panik – man zeigt ein Projekt doch erst, wenn es voll ausgereift, wenn es herzeigbar ist!

Aber erst nach dem Vortrag konnte ich die Intentionen dahinter verstehen: eine unausgegorene Ideenskizze zu präsentieren hat auch große Vorteile: Man spürt, welche Punkte noch nicht durchdacht genug sind, was funktioniert und was nicht, man kann sich vom Feedback anregen und inspirieren lassen, neue Weichen stellen, Menschen zum Einsteigen motivieren und noch mehr Fahrt aufnehmen.

Zudem sind gerade Situationen wie diese, Situationen, vor denen man Angst hat und in denen man sich am liebsten im dunklen Wirtshaus verkriechen würde, denen man dann aber dennoch entgegentritt (in meinem Fall: entgegentreten muss), die wertvollsten, die fantastischsten und die spannendsten Chancen des Lebens und bergen das größte Entwicklungspotential.

Denn erst Fahrten ins Ungewisse bringen einen an die unglaublichsten Orte. Man muss neues wagen, und dem Unbekannten und dem Ungewohnten mit Freude entgegentreten. Und wie sich entwickeln, wenn man immer die gewohnte Route fährt? Den richtigen Zeitpunkt zum Aufspringen gibt es nicht.

Die Adobe Creative Residency – ein sehr spontaner Roadtrip ins Unbekannte also. Und der beste Roadtrip, den ich je gemacht habe. Adobe gibt mir Vertrauen. Vertrauen in meine Arbeit und in ein Talent, von dem ich nicht immer überzeugt war, absolute finanzielle Freiheit und Freiheit zum Experimentieren, zum Mich-Ausprobieren. Kein einziges Mal wurde vor einer schwierigen Situation meine Kompetenz angezweifelt, stetig werde ich vom Bahnsteig aus angefeuert und motiviert. Das Zugticket hat mir Adobe in die Hand gedrückt, die Schaffner sind erstklassig und kompetent – selten habe ich so viele sympathische Menschen auf einem Fleck gesehen – und ich habe wunderbare Reisekumpanen, die tollen 5 anderen Creative Residents, die mit mir im gleichen Abteil sitzen. 

Dieser großartige, fordernde und fördernde Umgang fasziniert und beflügelt mich. Und ich freue mich auf die nächsten 9 Monate der Creative Residency. Ich bin auf den Zug aufgesprungen, ich geniesse die Fahrt und freue mich auf den unbekannten Ort, der mich am Ende meiner Reise erwarten wird – ich ahne jedoch, dass die Reise ins Neue und Unbekannte niemals enden wird – und das ist ein wunderbarer Gedanke. 

 

Rosa Kammermeier